Veranstaltungsarchiv

Hofkonzerte #1-8 (2020)

2020

Die vielseitige und identitätsstiftende Musikszene der Stadt Essen befindet sich infolge der Corona-Pandemie in einer existenziell dramatischen Situation. Viele Solo-Musikerinnen und -Musiker, Bands, Chöre und Ensembles sowie ein Großteil der über die Stadt verteilten Spielstätten, Live-Musik-Orte, Aufführungs- und Veranstaltungshäuser stehen gemeinschaftlich vor einer ungewissen Zukunft.

Durch die zeitweise Schließung von Auftrittsorten und musikalischen Ausbildungsstätten und die Limitierung von großen Teilen des öffentlichen (Kultur-) Lebens wurden insbesondere die als Solo-Selbständige agierenden freien Musikerinnen und Musiker ihrer wesentlichen Existenzgrundlage und damit zugleich der im wesentlichen an öffentliche Auftritte bzw. Livekonzerte gekoppelten wichtigen Einnahmequellen beraubt. Die flächendeckende Absage von Musikveranstaltungen und die Schließungen kultureller Einrichtungen waren und sind für viele Musikschaffende existenzgefährdend. Viele der in der Musikbranche tätigen Akteure geraten durch abgesagte oder verschobene Auftritte in schwere finanzielle Nöte.

Die freiberuflichen Künstler*innen, die vielfach ohne öffentliche finanzielle Unterstützung auskommen, sind ohne die notwendigen Einnahmen und Erlöse aus Konzerten und organisierten Auftritten kaum überlebensfähig. Hinzu tritt der Ausfall von Nebenjobs als Instrumentallehrende, Studiomusizierende und Produzierende, was bereits in den ersten Wochen des bundesweit ausgerufenen Shut-Downs empfindliche Lücken ins Budget der Kunstschaffenden gerissen hat.

Livestreams von Konzerten ohne Publikum, Hausmusik via Internet, online-basierte musikalische Lectures, Workshops und Musikstunden konnten die wirtschaftliche Situation der Künstlerinnen und Künstler kaum oder bestenfalls nur sehr bedingt verbessern. Nach wie vor fehlt es an geeigneten Möglichkeiten, die Musikerinnen und Musiker auf der Grundlage geltender Verordnungen und Hygienemaßgaben wieder mit ihrem Publikum zusammenzubringen und damit ein Live-Erlebnis zu schaffen, dessen Wegfall mit keinen medial vermittelten Übertragungswegen zu kompensieren ist. Schnell wird deutlich: Der Wahrnehmung, den jeweiligen Zugängen und dem Austausch zwischen Musiker*innen und dem Publikum sind elementare, medial bedingte Grenzen gesetzt.

Die Veranstaltung von Konzerten hat im Kunsthaus Essen eine weitreichende Tradition. Das Kunsthaus zählt nicht nur durch sein international ambitioniertes Ausstellungsprogramm, sondern auch durch seine musikalischen Projekte und Formate zu den profilierten Veranstaltungsstätten der Stadt. Mit Ernennung Essens und des Ruhrgebietes zur Europäischen Kulturhauptstadt 2010 wurde im Kunsthaus unter dem Label „MontagTontag“ eine höchst erfolgreiche Konzertreihe ins Leben gerufen, die nach wie vor Bestand hat.

Die seit mittlerweile zehn Jahren stattfindenden, montäglichen Konzerte lockten eine Vielzahl internationaler, aber auch lokaler Musikerinnen und Musiker ins Kunsthaus und begeisterten durch die Bandbreite und Qualität des dargebotenen musikalischen Spektrums ein gemischtes Publikum.

Von ambitioniertem Jazz über klassische Solo- und Ensemblekonzerte, von intensiven Darbietungen junger Singer und Songwriter*innen über Konzerte mit Popeinschlag – die Konzertreihe setzt mit ihren vierzig Konzerten jährlich auf musikalische Vielfalt sowie auf die tatkräftige Unterstützung und Förderung der lokalen Musikszene.

Als Auftrittsort mit intimer Club-Atmosphäre fungiert das Kunsthaus-Café mit seiner Bühne und einer adäquaten Sound-Logistik. Dabei wird die gesamte Konzertreihe, werden die auftretenden Künstlerinnen und Künstler von Beginn an ehrenamtlich betreut.

Mit den greifenden Verordnungen über die zeitweilige komplette Einstellung von kulturellen Veranstaltungen und die damit einhergehenden Schließungen von Kultureinrichtungen wurde auch die Konzertreihe „MontagTontag“ vorerst eingestellt. Das Kunsthaus verlor damit einen Teil des Publikums, die Musikerinnen und Musiker eine Möglichkeit, öffentlich aufzutreten, mit ihrer Kunst überhaupt erst sichtbar zu werden und neue Ensemblevarianten und Bühnenprogramme vor Publikum auszuprobieren. Zugleich fielen mit der notgedrungenen Einstellung der Konzertreihe auch wichtige und nachhaltig wirksame Fördermöglichkeiten für lokale, insbesondere junge und aufstrebende Musikerinnen und Musiker weg. Kreativität kennt keinen Stillstand. Künstler*innen müssen auch in der Krise handlungsfähig sein, um in Zukunft arbeitsfähig, sichtbar zu sein und sich als prägende Protagonist*innen innerhalb der Musikszene aller Genres behaupten zu können.

Was aber in Vor-Corona-Zeiten zum „guten Ton“ des Kunsthauses gehörte – die Bereitstellung von Auftrittsmöglichkeiten, Hilfestellung bei der Bildung von Netzwerken und Kontakten, Qualifizierung durch den Austausch mit anderen Musiker*innen – gewinnt in Zeiten der Pandemie ein besonderes Gewicht. Denn die Sommerkonzerte auf dem Schulhof des Kunsthauses verschafften den beteiligten Künstlerinnen und Künstlern zum Teil zum ersten Mal wieder seit der Corona bedingten Zwangspause die Gelegenheit zum öffentlichen Auftritt, zu Begegnungen mit dem Publikum sowie zum produktiven Austausch mit Kolleg*innen.

Den Konzerten vorausgegangen war eine nachdrücklicher Initiative des Kunsthauses, die das Essener Kulturamt dafür gewinnen konnte, für die „Hofkonzerte“ Mittel aus dem Corona Sonderfonds Kultur zur Verfügung zu stellen. Durch das damit dokumentierte gemeinschaftlich getragene Engagement leistet das Kunsthaus einen substantiellen Beitrag zur Existenzsicherung Essener Musikerinnen und Musiker und bietet ihnen eine wichtige Plattform für die Entwicklung einer produktiven Zukunftsperspektive.
Mit der Konzertreihe konnte die existenziell bedrohliche Situation für die lokale Musikszene ein Stück weit aufgefangen und den eingeladenen Musiker*innen die Möglichkeit gegeben werden, durch Erhalt von Auftrittshonoraren zur Sicherung der eigenen Existenzgrundlage selbst etwas beizutragen.

Die „Hofkonzerte“ des Kunsthauses Essen waren gleich in mehrfacher Hinsicht ein voller Erfolg. Vor Abstand haltendem aber dennoch begeistertem Publikum konnten Essener Musikerinnen und Musiker in acht Konzerten einmal mehr ihr musikalisches Können unter Beweis stellen.

Doch nicht nur die auftretenden Musikerinnen und Musiker konnten künstlerisch wie in gewisser Hinsicht auch finanziell – durch den Erhalt von Auftrittshonoraren – von den „Hofkonzerten“ ein Stück weit profitieren. Auch das Publikum hatte das Freiluft-Musik-Festival auf dem Schulhof des Kunsthauses von Beginn an zu „seinem“ Festival erhoben und dessen einzigartige Atmosphäre aktiv und sehr bewusst mit gestaltet. Hier trafen sich Nachbarn bei mitgebrachten Snacks und Getränken, zufällig vorbeifahrende Fahrradfahrer*innen legten für die einstündige Dauer eines Konzertes einen Stop ein und genossen die entspannte Atmosphäre bei überwiegend strahlendem Sonnenschein. Während die ebenfalls anwesenden jüngsten Konzertbesucher*innen den an das Festivalgelände angrenzenden Sportplatz als Rennstrecke für Roller und Rollschuhläufe umfunktionierten, lauschten die Eltern, Großeltern, Freund*innen, Nachbarn und zufällig anwesende Passant*innen der mitreißenden Live-Musik, schlossen Zufallsbekanntschaften, die sich beim nächsten Konzertbesuch erneuern ließen, und trafen die ebenfalls regelmäßig anwesenden Politiker*innen aus dem Bezirk zu einem zwanglosen Gedankenaustausch. So ermöglichten die „Hofkonzerte“ nach langer coronabedingten Abstinenz vielen Menschen nicht nur ein großartiges Live-Musik-Erlebnis, sondern sie begünstigten überdies durch den sonntäglichen Ausflug zum Kunsthaus Essen ein Treffen der Generationen – abseits der dichten Menschentrauben und hektischen Betriebsamkeit der Innenstadt. Das Festival wurde damit zu einem wichtigen Identifikationspunkt, der Menschen jeden Alters, unterschiedlicher Herkunft und Nationalität zusammenführte und sie nach Monaten des auferlegten und notgedrungen praktizierten „Social Distancings“ wieder miteinander in Kontakt brachte.

Die Hofkonzerte 2020 wurden durch den Corona Sonderfonds Kultur der Stadt Essen finanziert.

Fotos: Stephan von Knobloch