Erika Hock

11.9. - 23.10.2016 | Eröffnung: Sonntag, 11.9.2016, 16 Uhr
Einführung: Dr. Uwe Schramm

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Im Mittelpunkt des künstlerischen Schaffens von Erika Hock steht die Beschäftigung mit dem Körper und seinem Verhältnis zum konstruierten und gebauten Raum. Formale Anknüpfungspunkte und Inspirationen finden ihre Objekte, Installationen, Ausstellungsdisplays und benutzbaren Bauten im Interior Design, der Mode und Architektur. Dabei sind es Geschichten, die die Dinge erzählen, Geschichten über die Entstehung eines Stuhls etwa, über Architektur und über die Dinge des täglichen Gebrauchs.
Im Zuge eines weiterführenden Abstraktionsprozesses entstehen schließlich Gebilde, die sich bewusst gegen eine eindeutige Zuordnung und Benennbarkeit sperren. Hocks Werke lassen sich als Möbel, Skulpturen, Körperhaltungen, Zeichnungen im Raum oder als Gebrauchsobjekte ohne erkennbare Funktion begreifen. Sie überschreiten lustvoll die Grenzen zwischen Kunst, Architektur und Design und führen ihren Betrachter auf das schwankende Parkett einer bewusst im Unklaren belassenen Funktionszugehörigkeit.
Erika Hocks Interesse an Körpern, den menschlichen Haltungen und Bewegungen manifestiert sich eindrucksvoll mit der Werkgruppe "Elbows & Knees". Lampenartige Gebilde, Hocker, sockellos im Raum oder an der Wand platzierte geschwungene Linienelemente, gerüstähnliche Leitersysteme sowie schlank und aufrecht stehende Liniengebilde erinnern dabei von ferne an klassische Stahlrohrmöbel und den frei-schwingenden, nach Schwerelosigkeit, nach Transparenz, Licht- und Luftdurchläsigkeit und materieller Auflösung strebenden Geist der am und um das Bauhaus herum entstandenen Gestaltungsideen. Hier wurden "notwendige apparate heutigen lebens" (Marcel Breuer) gedacht und entworfen, indem man von den modernen Bedürfnissen des Menschen und seiner körperlichen Existenz ausging. Dabei entstanden Gebrauchsobjekte, die den Körper nachformten. Im Mittelpunkt stand die Annäherung, oder besser: Wiederannäherung des Körpers an die für ihn gemachten und bestimmten Dinge, an die Dinge also, bei deren Entwicklung der Körper gewissermaßen Pate gestanden hat. So entstanden "oszillierende" Möbel, die scheinbar der Schwerkraft trotzten, schwebende, frei-schwingende, hinterbeinlose Sessel und Stühle, selbst nun Körper im Raum, die den Eindruck erweckten, jeden Moment aufstehen und elastisch ihre Form verändern zu können.

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Mit Hocks Objekten wird der menschliche Körper, seine Beweglichkeit und charakteristischen Haltungen wahrnehmbar, ohne als eigentliche Form oder voluminöse Gestalt in den Arbeiten selbst präsent zu sein. Sie lassen den abwesenden Körper, der die Formgebung maßgeblich bestimmt hat, mit der Geste der Andeutung, Paraphrase und selbstironischen Inszenierung aufscheinen, und sind doch selbst Körper im Raum, mit erkennbarem Eigensinn und Veränderungspotenzial. Ein Hocker streckt forsch seine dünnen Beine in die Luft, ein tischähnliches Objekt verfügt über ein grotesk zur Seite hin abgewinkeltes Bein, während eine im Raum stehende aufragende Linie scheinbar lässig an der Säule gelehnt die Aufmerksamkeit des Betrachters fordert. Es sind Skizzen einer Idee einer betimmten Körperhaltung, lineare Raumzeichnungen von Körperumrissen, die sich je nach Standpunkt des Betrachters zur menschlichen Physiognomie verdichten, um sich im nächsten Moment wieder als abstraktes Liniengebilde zu wandeln. Manche Gebärden, die die Objekte vollführen, erinnern dabei an slapstickhafte Überzeichnungen, groteske Übertreibungen und von einem hintergründigen Humor getragene Paraphrasen menschlicher Bewegungen.
"You´re all elbows and knees" lautet ein Sprichwort, mit dem bildhaft die charakteristische Unsicherheit von Jugendlichen umschrieben wird, die als Heranwachsende buchstäblich noch nicht in ihrem Körper zuhause sind und denen die Gelenke, die eigentlich Bewegungen des Körpers, der Arme und Beine erst ermöglichen, eher hinderlich erscheinen. Hocks Arbeiten spielen mit diesen bildhaften Assoziationen und Bezügen, mit der Uneindeutigkeit funktionaler Bestimmungen und der gesuchten Nähe zu Gebrauchsgegenständen, die nur darauf zu warten scheinen, wieder benutzt werden zu können. Doch wofür, bleibt ungewiss.
Ende der 1920er Jahre verstieg sich der österreichische Architekt Adolf Loos in ein spektakuläres Projekt. Loos widmete der berühmten Tänzerin Josephine Baker voller Bewunderung ein eigenes Haus, das am Ende allerdings nie realisiert werden sollte. Das Haus für die exotische Schönheit, die als Nackttänzerin nur mit einem Bananenröckchen bekleidet war und die Sehnsucht nach exotischer Wildheit und zügelloser Sinnlichkeit in sich vereinte, sollte neben einem überdimensionierten Café auch über einen eigenen Swimmingpool verfügen. Nach dem Wunsch des Architekten waren für den Pool bullaugenförmige Fenster vorgesehen, die pikanterweise unter der Wasserlinie angebracht waren und so von außen den voyeuristischen Blick auf die schlanke Schwimmerin gewähren konnten. Die auffällige Fassade dieses einzigartigen Ensembles sollte durch abwechselnd schwarze und weiße Horizontalbänder strukturiert werden. Das Transparenz und Leichtigkeit suggerierende Design der Außenhülle entsprach dabei ganz der Auffassung des Architekten. Loos betrachtete Kleidung, Teppiche und Textilien als die wichtigsten Referenzpunkte für gebaute Wände.

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Erika Hocks jüngste, für die Ausstellung im Kunsthaus Essen produzierte Arbeit besteht aus zwei scheibenförmigen Elementen. Kreisrunde Löcher in einer der dünnwandigen Platte finden ihre positive Entsprechung in bullaugenförmigen Aushöhlungen, in die Wasser eingefüllt ist. Als Stützform der direkt auf dem Boden platzierten Formen dient jeweils die Hälfte einer Kokosnuss. Auf einem scheinbar nachlässig abgestellten Sandsack prangt verheißungsvoll die Typenbezeichnung "Sansibar" und suggeriert damit exotische Eklusivität. Erika Hock hat mit dieser Bodenarbeit ein Werk geschaffen, das im Hinblick auf ihre Beschäftigung mit dem Josephine Baker-Haus subtile Assoziationen offenbart. Ihre Formensprache scheint die Überlegungen des Architekten aufzugreifen und in ein abstraktes, aus visuellen Versatzstücken bestehendes Skulpturenensemble zu überführen.
Die ausgestellten Filzteppiche stehen in einer Reihe von Arbeiten, deren Entstehung ebenfalls auf die Beschäftigung mit dem Josephine Baker-Haus zurückweisen. Darüber hinaus manifestiert sich mit ihnen eine Inspirationsquelle, die auf die eigene Biographie der Künstlerin zurückreicht. Aufgewachsen in Kirgisien, beschäftigt sich Erika Hock bereits seit geraumer Zeit mit den hier gebräuchlichen traditionellen Textiltechniken. "Shyrdaks" sind zweifarbige doppellagige Teppiche mit jeweils identischem, durch beide Filzlagen ausgeschnittene Muster, das ähnlich einer Spiegelung als positiv bzw. negativ gestaltet ist.
Erika Hock überträgt dieses Prinzip in ihre eigenen, ebenfalls aus zweilagigem Filz bestehenden Teppiche, allerdings erscheinen die positiven und negativen Formen in Schwarz und Weiß und übertragen damit traditionelle Gestaltungsprinzpien in eine abstrakte Formauffassung.
Biographisches mischt sich mit Anekdotischem, mit Geschichten über Architektur, mit Beobachtungen und Erfahrungen, um daraus ein schier unerschöpfliches Reservoir an Inspirationen für die künstlerische Arbeit von Erika Hock zu bilden. (Text: Uwe Schramm)

Produziert mit Unterstützung des Marta Fonds für Neue Kunst, Herford
und Wiels, Brüssel
Courtesy Galerie Cosar und Erika Hock

Mit Unterstützung durch

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Wirklich Jetzt!

Elí Cortinas, Jérome Gerull, Peter Loewy, Henning Frederik Malz, Johanna Reich, Malte Stienen
22.5. - 3.7.2016 | Eröffnung: Sonntag, 22.5.2016, 16 Uhr
Einführung: Dr. Uwe Schramm

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In Kooperation mit dem Museum Goch.
Ausstellungsdauer in Goch: 19.6. - 4.9.2016
gefördert durch:
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Oliver Ross, Anna Szermanski

13.3. - 24.4.2016
Eröffnung: Sonntag, 13.3.2016, 16 Uhr
Einführung: Dr. Uwe Schramm

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Oliver Ross

DIE HYPOTRANSLUMINISZENS DER QUASIAURA WIRFT IHRE SCHATTEN IN DIE PATHOGENESE DES HANDWERKS
Bekanntermaßen hat „Die Kunst“ ihre Aura schon vor langer Zeit eingebüßt. Rossology gibt ihr durch Technik zurück, was ihr durch Technik genommen wurde. Die Lichterscheinung der Quasi-Aura ist damit endlich reproduzierbar; und in ihrer Ontowirkung durchscheinend prozessual: Denn so, wie sich hier die Farben ändern, schwanken auch die Gefühle, sowohl langfristig als auch unmittelbar gegenwärtig. Sie drücken sich als subjektive Tatsachen körperlich aus: Erröten und Blasswerden… In den rossologischen Aura-Automaten kommt sogar grünes Rot vor Abstrakte Kunst ist hypothetische Kunst. Hypothesen resultieren aus Analysen, transluminierte Hypothesen können wiederum selbst besser analysiert werden. Auf den Querschnitten der Wunschorgane aus dem Rossology Labor lässt sich lesend schauen, was von der sogenannten Seele bewohnt wird. Dabei kommt das Geistige in der Kunst heute oft aus der Steckdose: Schalt doch mal das Bild aus! Kein Einleuchten ohne Blendwerk. Daher auch die Schatten. Wo sich die Formen nun verdunkeln, kommt noch etwas anderes zum Vorschein: Die Antikunst. Als trotziger Widerstand. Und der kommt hier, ganz romantisch, folgerichtig aus dem Handwerk. Denn das Handwerk, man spürt es irgendwie, hat an Bedeutung verloren und damit auch der Mensch. Das soll nicht sein. Daher wird diese Problemlage radikal als pathogene Meditation vorgeführt: Kugelschreiber auf Papier, bis zur Schmerzgrenze, so dicht, wie es das noch nie gegeben hat. Garantiert. Zeichnung total. In diesem Sinne: Die Kunst macht weiter, denn Totgesagte leben länger! Text: Oliver Ross, 2016

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Anna Szermanski

Die gebürtig aus Polen stammende Meisterschülerin der Kunstakademie Düsseldorf beschäftigt sich in ihren jüngsten Arbeiten mit der Folklore ihres Herkunftslandes. Mit flächig gestalteten, lebensgroß dimensionierten Tafeln erscheinen farbenprächtige Motive, die bestimmte Gestaltungselemente graphisch reduziert und abstrahiert zur Darstellung bringen. Mit einem Brückenschlag finden die biographisch gefärbte Vergangenheit der Künstlerin und ihre kulturelle Prägung mit dem großen abstrakten Weltgeschehen und dem Kreislauf allen Lebens zueinander. In den letzten Jahren beschäftigte sich Anna Szermanski intensiv mit der Kultur und der ornamentalen Formsprache polnischer Folklore. Die Frage „Wo komme ich her, wo gehe ich hin?“ ist von zentraler Bedeutung in ihrer künstlerischen Arbeit. Die Arbeiten stehen für ihren persönlichen Kreislauf, wie auch für den Kreislauf des Lebens allgemein und stellen Fragen nach Einheit und Individualität, Symbiose und Gegensatz, und letztendlich nach Ursprung und Ende. Der Blick Anna Szermanskis dringt dabei durch die Oberfläche und äußere Hülle des Lebens zu den Bauprinzipen der Körper, die damit einerseits jegliche Individualität verlieren, andererseits aber zu Symbolen vitaler Zusammenhänge werden, indem Sie symbolhaft den Kreislauf des Werdens und Vergehens allen Lebens visualisieren. Menschliche Skelette werden dabei auf ihre formalen Ausdruckswerte reduziert und mit floralen sowie vegetabilen Formen kombiniert, woraus sich letztendlich ein graphisches Muster ergibt, das jegliche Form von ursprünglichem Schrecken oder Morbidität für immer verloren hat und dem Betrachter als lustvoll gestaltetes, farbenkräftiges Ornament entgegentritt. Die besondere Art der Präsentation dieser Malerei, die auf dem Boden liegend gezeigt wird, ist dabei durchaus außergewöhnlich. Manches erinnert dabei an archäologische Ausgrabungsfelder oder altertümliche Grabplatten. Und es sind gerade diese Momente des Erinnerns, die der farbkräftigen Malerei von Anna Szermanski eine besondere Tiefe verleihen.

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